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„Es ist ein hoher Kontrollverlust“

„Es ist ein hoher Kontrollverlust“

Gründer Alexander Graf über die Gründe, warum er den Code der von ihm angebotenen Software nun der ganzen Welt offen zugänglich macht.

Alexander Graf hat für die Otto Gruppe Online-Geschäftsmodelle erdacht, bewertet und deren Zukauf verantwortet. Bei der E-Tribes Gruppe beriet er Handels- und Medienunternehmen bei ihrer Digitalisierung.

2014 gründete er mit anderen Spryker Systems, das Produkt der Firma: eine Software für den Internethandel.

Herr Graf, Sie stellen den Quellcode Ihres Programms Spryker, eine Art Rahmenwerk für den Internethandel, nun offen ins Internet. Warum?

Unser Produkt ist für Entwickler gemacht und die sind in der Regel in Communities organisiert, in denen sie sehr offene Diskussionen führen. In diesen Kreisen müssen wir Thema sein und Impulse geben.

Außerdem sagen uns heute schon mögliche Kunden: Führt uns das Produkt mal vor! Sie wollen keine Charts sehen, sondern unseren Code, um auszuprobieren, ob Spryker zu ihrem System und Vorhaben passt. Deren Entwickler spielen also heute schon damit herum.

Die unterzeichnen doch sicher einen Vertrag, dass sie den Code nicht gewerblich nutzen dürfen. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen jemand den Code und damit die Geschäftsgrundlage, Händler im Netz vom Kontakt zu Kunden bis zum Warenversand zu unterstützen, klaut?

Es ist ein hoher Kontrollverlust, nicht mehr zu wissen, wer sich das anschaut und was er damit macht, das stimmt. Und es gibt das Risiko, dass jemand eine Kopie machen könnte.

Aber das größere Risiko ist für uns doch, nicht wahrgenommen zu werden. Mit unserem neuen Angebot wollen wir natürlich auch mehr Reichweite schaffen und uns stärker internationalisieren.

Noch einmal: Was, wenn eine US-amerikanische oder eine chinesische Jungfirma so Ihre Idee für sich entdeckt und ein besseres Spryker entwickelt?

Das ist für jedes Start-up eine konkrete Gefahr, dass da einer kommt, die Konzepte kopiert, und eine zweite, gleiche Firma baut.

Aber wenn das gelingen würde, müssten wir uns vorwerfen, dass wir nicht innovativ und schnell genug waren. Am Ende müssen wir und unser Ansatz die Kunden überzeugen.

Reicht es denn heute noch, die Entwickler in einem Unternehmen zu überzeugen, um neue Kunden an sich zu binden?

Viele Unternehmen haben mittlerweile erkannt, dass sie die IT aus dem Keller holen müssen und stehen an der Schwelle, sie in die Geschäftsführung zu heben.

Da muss sie auch hin: Die Anforderungen an einen Online-Shop lassen sich heute nicht mehr in eine Excel-Tabelle verpacken, weil sie sich monatlich ändern.

Auch wir können nicht vorhersagen, wohin – aber mit unserer Technik können Kunden schnell reagieren.

Können das die eigenen IT-Abteilungen der Unternehmen etwa nicht?

Durch die Konkurrenz von Amazon bis Zalando ist allen Händlern mittlerweile klar: Mist, wir müssen mehr tun. Und dann merken sie: Mist, Mist – unsere IT wartet auf den nächsten SAP-Rollout und schafft das vielleicht – mit Glück – im nächsten Jahr. Wir können schnell etwas für sie tun, sie können etwas einsetzen, das sie selbst nicht in dieser kurzen Zeit nachbauen könnten, weil ihre Leute dafür gar nicht ausgebildet sind.

Wie kommt es, dass Sie dennoch erst wenige feste Kunden haben?

Wir liefern die technologische Infrastruktur, hinter der bei den meisten unserer Kunden strategische Projekte stehen, so dass sie bis zum Live-Gang vertraulich bleiben.

Um Erfolg zu haben, muss ein Unternehmen auch sein organisatorisches Setup anpassen: die Technologieentscheidungen müssen vom Geschäftsführer mitgetragen und mittelfristig ein Team für Technologie und Projektmanager dafür aufgebaut werden, also investiert werden.

Wenn in der Geschäftsführung niemand sitzt, der mit dieser Vorstellung groß geworden ist, ist das eine sehr krasse Veränderung, die viele Unternehmen erst einmal erschreckt. Es ist aber die einzige Lösung, sich für die Zukunft fit zu machen.