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Die Revolution kommt auf leisen Sohlen

Demokratisierung durch digitale Vermögensverwaltung: Neue Fintechs lassen Anleger von den Kenntnissen absoluter Experten profitieren.

Der Ort: ein Berliner Hotel. Der Anlass: eine Gesprächsrunde zwischen der Elite der Frankfurter Fondsmanager und ausgewählten Fintechs – innovativen Jungunternehmen mit der Mission, die Finanzbranche zu revolutionieren. Thema der letzten Präsentation: die digitale Vermögensverwaltung. Die Herren aus Frankfurt sind sich einig: „So etwas kauft doch niemand über das Internet.“ „Mit ein paar Programmierern können wir das auch.“ „Laden Sie Ihre Kunden denn auch zum Pferderennen ein? Das ist denen wichtig!“

Es ist frappierend: Der Finanzindustrie scheint noch immer nicht bewußt zu sein, dass eine digitale Revolution bevorsteht, die viele von ihnen wegfegen wird. Ihre Argumente, ihr Glaube an einen ewig währenden Status Quo und ihre unterschwellige Arroganz erinnern an Diskussionen in anderen Branchen. Auch im Einzelhandel hieß es lange, „wer kauft denn schon Schuhe im Internet“?

Für die digitalen Angreifer unterstreichen die hämischen Kommentare die Selbstzufriedenheit einer Branche, die seit Jahren gut auf Kosten ihrer Kunden gelebt hat, doch leider selten in deren Interesse handelte. Mit dem aus der Luft gegriffenen Versprechen, permanent überdurchschnittliche Renditen zu erzielen, versucht sie, ihren Kunden den Verstand zu vernebeln. Dass nur verschwindend wenige Fondsmanager den Markt nach Kosten langfristig schlagen, wie zahlreiche Untersuchungen belegen, kehren die etablierten Finanzdienstleister stillschweigend unter den Teppich. „Wer dem Kunden nicht verspricht, den Markt zu schlagen, kann nicht erfolgreich sein“, meinen sie. Übersetzt soll das wohl heißen: Wer seinen Kunden nicht das Blaue vom Himmel verspricht, hat Schwierigkeiten, die zum Teil exorbitanten Fondsmanagementkosten zu rechtfertigen.

Fintechs geben keine Heilsversprechen

Die besten der digitalen Vermögensverwalter stellen ihren Kunden nicht das Unmögliche in Aussicht, sondern einen verantwortungsvollen Umgang mit ihrem Geld und einen Fokus allein auf ihre Interessen. So wie die schon lange etablierten Berater der wirklich Reichen, deren Dienstleistungsangebot jetzt im Zuge der Digitalisierung auch für Normalverdiener greifbar wird.

Bei der Kundenbetreuung vertrauen die meisten der Geldanlage-Fintechs allein auf digitale Kanäle – ein Modell, das in den USA bereits mit großem Erfolg wächst. Andere glauben, dass eine effiziente Kombination von Mensch und Maschine auch im Umgang mit den digital-affinen Kunden die richtige Vorgehensweise ist. Wie gut die Programme auch sein mögen, es wird immer Situationen und Anliegen geben, die nicht in vordefinierte Prozesse passen, meinen sie.

So gesehen liegt der Kern der Online-Vermögensverwaltung in der komplexen Verknüpfung digitaler und nicht-digitaler Innovationen, die nur in der Summe und im Dialog ein Kundenerlebnis schaffen, das intuitiv funktioniert. Und das zu Konditionen, die mit den alten Strukturen und Anreizmodellen der etablierten Finanzdienstleister nicht erreichbar sind. Diesen Weg geht zum Beispiel Liqid in Deutschland als erstes digitales Family Office.

Die alte Welt unterschätzt, wie tiefgreifend und schnell die Digitalisierung Verhaltensmuster verändert. Die digitale Herausforderung basiert auf einer konsequenten Neugestaltung des Kundenkontakts für eine von Apple, Amazon und Netflix verwöhnten Generation. Ziel ist, Berührungsängste mit der Geldanlage zu nehmen, Komplexität zu verringern und Eintrittsbarrieren zu reduzieren. Denn die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne ist durch das Internet inzwischen beweisbar gesunken. Statt auf unverständlichen Hochglanzwälzern mit Entwaldungspotenzial liegt der Fokus auf zeitnaher, digitaler Kommunikation – auf einer Plattform, die zum Smartphone-User passt, und in einer Sprache, die er versteht. Gesteuert von einer datengetriebenen Redaktion: Wer Einzelheiten möchte, erhält sie. Diejenigen, die nicht allzu tief einsteigen wollen, bekommen die wichtigsten Informationen kurz und knapp.

Chancen und Risiken werden realistisch und greifbar präsentiert, Kunden nicht durch falsche Versprechen entmündigt. Am Ende bleibt – hoffentlich – das Verständnis, dass breite Diversifikation, niedrige Kosten und eine langfristige Anlagestrategie der Schlüssel zum Erfolg sind und nicht die Auswahl des vermeintlich besten Fonds.

Fachliche Expertise auch für Anfänger

Das Ziel ist nicht weniger als das Ende der seit Jahrzehnten bestehenden Zweiklassengesellschaft in der Vermögensverwaltung. Denn wie kann es sein, dass Durchschnittsinvestoren bis zu acht Mal mehr für ihre Geldanlage bezahlen als die reichsten Investoren? Viele Industrien versuchen, gut betuchten Kunden mehr abzuverlangen als dem Durchschnitt. Nur in der Finanzindustrie wird dieser Ansatz pervertiert.

Bei der Anlagestrategie vertrauen viele der Fintechs auf die Weisheit von Markowitz, dem Vater der modernen Portfoliotheorie. Sie investieren passiv und kostengünstig über ETF, börsengehandelte Indexfonds, welche die Aktien- und Anleihemärkte der Welt weitgehend ohne Anpassungen abbilden. Andere destillieren aus der Intelligenz von Weltklasse-Experten skalierbare Algorithmen und bieten so Zugang zu einer Expertise, die den meisten bisher verschlossen war. Welcher Ansatz zu welchem Kunden passt, ist letztendlich eine Frage der persönlichen Präferenz.

Noch überwiegt die Skepsis der alten Platzhirsche

Gemeinsam haben die digitalen Herausforderer hohe Ansprüche an die Transparenz bei der eigenen Bezahlung. Provisionen von Dritten, die Interessenkonflikte provozieren, werden gemieden. Denn in der Yelp- und Tripadvisor-Generation stoßen diese auf. Mit der für 2018 geplanten Aktualisierung der Vorschriften für Finanzprodukte geht auch die Europäische Union eindeutig in Richtung Transparenz. Für die Fintechs eine gute Entwicklung – es sei denn, sie wird (wieder einmal) von der Lobby des Finanzestablishments unterminiert.

Vor dem Hintergrund anhaltender Kritik aus den Glastürmen Frankfurts sind sich viele Fintechs natürlich bewusst, dass ihr Ansatz im Einzelnen kein Hexenwerk ist und dass ihre Innovation in einer im Alltag oft schmerzlichen Vielzahl von kleinen Schritten liegt. Mit ihrem Know-how und ihren Ressourcen im Rücken könnte das Establishment theoretisch ähnlich revolutionäre und kundenfreundliche Konzepte entwickeln. Zwar predigen die heutigen Platzhirsche Innovation und gründen beruhigend fortschrittlich klingende Inkubatoren. Doch allein mit dem Ablegen der Krawatte ist es nicht getan. Ihre Digitalangebote bleiben bisher regelmäßig hinter den Erwartungen zurück. Sie servieren nur alten Wein in neuen Schläuchen und ignorieren den Kern des Problems: verkrustete Strukturen und falsche Anreizsysteme.

So wie ein Frankfurter Manager, der sich am Ende des Treffens zwischen Fondsbranche und Fintechs darüber beklagt, dass er schon wieder acht Stunden seines Lebens vergeudet hat, ohne etwas Neues zu lernen. Eigentlich schade, denn zu lernen gibt es für beide Seiten viel.